„Alles das, was den Menschen weiter ausmacht, ist nicht stofflich, ist eigentlich nicht sichtbar. Es unterliegt deshalb nicht der irdischen Entwicklung allein, also nicht den vier Elementen, sondern der kosmischen Entwicklung.“

O-Ton · aus dem Vortrag

Wir sind es gewohnt, ein Kind als kleinen Erwachsenen zu denken: etwas kleiner, etwas unfertiger, aber im Grunde schon dasselbe Wesen. Rudolf Steiner widerspricht dem entschieden. Der Mensch entwickelt sich in klar erkennbaren Phasen — in drei großen Lebensbögen zu je 21 Jahren und in wiederkehrenden kosmischen Rhythmen. Dieser Beitrag fasst einen Vortrag zur Menschenkunde zusammen: eine Landkarte der menschlichen Entwicklung, die verstehen hilft, was wann an der Reihe ist.

Die drei Bögen im Überblick:

  • Bogen I · 0–21: Aufbau des Leibes — der Mensch bekommt.

  • Bogen II · 21–42: seelische Auseinandersetzung — der Mensch bewährt sich.

  • Bogen III · ab 42: freie geistige Kräfte — der Mensch gibt zurück.


Die drei Lebensbögen

1 · Das Unsichtbare am Menschen

Ausgangsbild ist die Homöopathie: je höher die Potenz, desto weniger physischer Stoff und desto mehr rein geistige Substanz bleibt im Präparat. „Je höher die Dosierung der homöopathischen Mittel ist, desto weniger physischer Stoff ist noch vorhanden" — bis am Ende praktisch nur noch geistige Substanz bleibt. Wer dafür kein inneres Verständnis hat, sagt: „Ihr esst Zuckerkügelchen oder trinkt Wasser."

Auf den Menschen übertragen: nur ein Teil von ihm ist körperlich-physisch erfassbar. Alles Weitere ist feinstofflich, mit dem physischen Auge nicht sichtbar — und untersteht nicht allein der irdischen, sondern der kosmischen Entwicklung. Genau darauf wollte Steiner in allen seinen Arbeitsgebieten aufmerksam machen.

Die vier Wesensglieder

Steiner unterscheidet vier Wesensglieder, die nicht alle bei der Geburt schon frei wirken, sondern nacheinander „geboren" werden. Bei der Geburt bleiben alle Glieder außer dem physischen Leib noch wie im mütterlichen Leib geborgen.

  • Physischer Leib (Geburt): der Körper. Wird als erstes Wesensglied der Welt ausgesetzt.

  • Lebensleib (mit 7): verwaltet Energieströme und Lebenskräfte.

  • Seelenleib (mit 14): Empfindsamkeit — Denken, Fühlen, Wollen.

  • Das Ich (mit 21): bereits geistige Ebene, der unsterbliche Wesenskern.


Die vier Wesensglieder

2 · Kosmische Rhythmen

Wir sind uns dieser Rhythmen heute kaum mehr bewusst, aber sie sind trotzdem da und wirken.

  • Mond (28 Tage): hängt eng mit dem weiblichen Zyklus zusammen — der noch am ehesten bewusste Rhythmus.

  • Sonne (25 920 Jahre): der Durchgang der Sonne durch den Tierkreis entspricht der Zahl der Atemzüge eines Tages (18 pro Minute). Atem- und Rhythmisches System sind darin eingebunden.

  • Jupiter (12 Jahre): vor dem 12. Lebensjahr soll kognitiv nicht zu stark belastet werden. Mit dem „Jupitergeburtstag" öffnet sich das abstrakte Denken — darum stellt sich der Lehrplan ab der 6./7. Klasse um. „Ich warte erstmal ab, bis der Jupitergeburtstag durch ist, und erst dann kann man schauen, was aus dem Kind kognitiv wird."

  • Saturn (30 Jahre): mit 15 und 45 steht Saturn dem Geburtsstand gegenüber. „Das sind die schlimmsten Jahre in der Biografie." Das 15. Lebensjahr ist nicht nur ein Pubertätsproblem, sondern ein Jahr, in dem „nichts geht". Oppositionen sind im Kosmischen immer Störungen — man kann nicht mit dem Kämpfen anfangen, man hält das Jahr aus, dann wird es wieder besser.

  • Mondknoten (~18⅔ Jahre · ~19 / 37 / 56): Rückbesinnung auf den eigenen Geburtsimpuls. „Dieser Impuls taucht dann etwa alle 19 Jahre wie eine Prüfung auf: Bist du auf dem rechten Weg?" Der erste hilft dem jungen Menschen hinaus ins Leben. Wird der zweite überhört, kommen Krisen von außen und Krankheiten von innen.


Kosmische Rhythmen

3 · Bogen I — Geburt bis 21

„Der Mensch wird unfertig geboren, damit sein Potenzial, sich individuell auf die Welt einzustellen, erhalten bleibt" — so wenig fixiert und konditioniert, dass er frei und flexibel auf die jeweiligen Lebensumstände reagieren kann. In diesen 21 Jahren baut er seinen Leib auf. Erwachsene stehen ihm mit ihrer Ich-Kraft als Helfer zur Seite; mit 21 muss man ihn freilassen, dann beginnt die Selbsterziehung.

„Kleine Kinder sind völlig andere Wesen als erwachsene Menschen. Man kann da kein Ist-Gleich-Zeichen dazwischensetzen und sagen, ein kleiner Mensch sei nur etwas kleiner als ein vollentwickelter Mensch. Sie sind völlig andere Wesen in ihrer Art und Weise, die Welt wahrzunehmen."

0–7 · Sinnesreife (bis zum Zahnwechsel) · Mond

Drei Grundkompetenzen, die aufeinander aufbauen: Stehen — Sprechen — Denken. Über Drehen, Wenden und Krabbeln erarbeitet sich das Kind den Raum und kommt in die Aufrechte. Sobald es steht, werden die Hände frei — und erst dann setzt die Sprachentwicklung ein. Grob- und feinmotorische Kompetenz strukturiert das Gehirn: sie ist die Grundlage des Denkorganismus. Am Ende dieser Zeit sagt das Kind „Ich" zu sich.

Das Kind ist kein denkendes, sondern ein ganz sinnliches Wesen: es versteht die Welt unbewusst über Nachahmung und eigenes Tun. Je gesünder die Umwelt, desto gesünder die Sinnesentfaltung. Die ausfallenden Zähne sind das Signal: der Körper hat seine Arbeit getan, die Kräfte werden frei für schulisches Lernen.

„Da sieht man ja, dass die Kinder ohne müde zu werden monatelang daran arbeiten. Und wenn die Aufrechte erreicht ist, werden die Hände frei — und ab dem Moment setzt die Sprachentfaltung ein."

Warnung: Zu frühes Lesen, Schreiben, Rechnen und eine materiell-abstrakte Welterklärung („Warum fährt ein Auto?" → der Motor) nehmen dem Kind Kräfte weg, die es für den Aufbau des Leibes braucht. „Und man sieht es natürlich nicht gleich, aber Rudolf Steiner hat gesagt: man sieht es ab 40." Heute haben wir weltweit Gesellschaften, in denen Menschen ab dem 40. Lebensjahr Zivilisationskrankheiten haben — da lohnt der Rückblick: Kinder wachsen gesund auf, wenn sie viel im häuslichen Umfeld und viel in der Natur sein dürfen. Dasselbe gilt für die Fremdbetreuung: den ganzen Tag mit vielen anderen Kleinkindern in einem Raum, in Strukturen ohne eigene Wahl, ist eine starke Überforderung.

7–14 · Atemreife (die Welt in Bildern) · Merkur

Merkur sind die Gesundheitskräfte — in diesem Jahrsiebt sind Kinder grundsätzlich gesund, abgesehen von den Kinderkrankheiten, die zur Entwicklung gehören. Der Atemrhythmus schwingt sich auf das erwachsene Verhältnis 1:4 ein (18 Atemzüge zu 72 Pulsschlägen).

Das Kind erlebt die Welt in bildhaften seelischen Stimmungen. Es setzt sich noch nicht selbst mit ihr auseinander, sondern folgt vertrauensvoll den Augen des Erwachsenen, der ihm die Phänomene in Bildern erklärt. „So wie Muttermilch im ersten Jahr, sollte Schule seelische Milch sein, mit der das Kind eine kraftvolle innere Gefühlswelt aufbaut." Ab dem 12. Lebensjahr (Jupiter) beginnt das Kind, mit erwachender gedanklicher Wachheit zu erfassen, was es vorher seelisch erlebt hat.

14–21 · Erdenreife (Pubertät) · Venus

Der junge Mensch kommt ganz auf der Erde an: er erfasst die Welt bis in die feste materielle Substanz hinein und setzt sich nun selbst mit Dingen, Menschen und Erfahrungen auseinander. Die bisherige äußere Autorität wird zurückgestoßen — an ihre Stelle soll innere Autorität treten. Venus steht für die Entfaltung der Sexualität und die ersten Liebeserfahrungen. Zwischen 14 und 21 tauchen oft unbewusste Rückerinnerungen an frühere Inkarnationen auf; wache Begleitung kann hier helfen, karmische Altlasten zu erledigen. Mit 21 ist die leiblich-physische Entwicklung abgeschlossen — es kommt zur Ich-Geburt.

Zu früh: Wer mit 17 oder 18 an die Universität kommt, hat diese Kräfte noch nicht frei. Professoren berichten: „Sie kommen sich vor wie im Kindergarten" — Studierende, die noch wie Oberstufenschüler geführt werden müssen. Wir machen alles ein wenig zu früh; das ist Raubbau an der kindlichen Kraft.


Die drei Jahrsiebte

4 · Der Rubikon — das neunte Lebensjahr

Bis zum neunten Jahr erlebt sich das Kind in Einheit mit der Welt: „Ich und die Welt sind eins" — eine paradiesische Ursituation ohne Trennung. Im Verlauf des neunten Jahres tritt das Gefühl heran, dass diese Verbundenheit sich löst: Ich bin ein Wesen, die anderen sind andere Wesen.

„Das können wir uns heute kaum mehr vorstellen, dass da wie eine paradiesische Ursituation noch da ist, wo noch keine Trennung zur Welt ist."

Zum ersten Mal wird bewusst, dass Eltern und Lehrer Fehler machen können — sie stürzen vom Sockel, und dieser Sockel muss zurückerobert werden. Ebenso begreift das Kind zum ersten Mal, dass das Leben endlich ist; manchen macht das große Angst. Die Kinder wirken tagsüber zu forsch und brechen abends weinend zusammen, fallen in Phasen zurück, die man längst überwunden glaubte. Der Rubikon lässt sich — anders als die Pubertät — leicht überhören.

„Meine Eltern können Fehler machen. Meine Lehrer sind nicht die unfehlbaren Engel, wie ich immer gedacht habe. Da stürzen die Eltern zum ersten Mal vom Sockel — mit den Lehrern." — „Den Rubikon kann man überhören oder übersehen. Dann kostet das kindliches Vertrauen."

Haltung der Erwachsenen:

  • Sehr achtsam, warm und liebevoll begleiten — auch körperlich.

  • Rückschritte zulassen, keine Vorwürfe („Du bist doch schon so gross").

  • Wissen: das Kind durchläuft eine Entwicklung — die Erziehung ist nicht gescheitert.

  • Melancholiker gehen besonders schwer durch den Rubikon; Sanguiniker zeigen wenig, leiden aber doppelt.

  • Große Umbrüche im Lebensraum treffen in der 2./3. Klasse am heftigsten. Eine Kollegin sagte an jedem Elternabend der ersten Klasse: „Wenn Sie sich von Ihrem Ehepartner trennen wollen, machen Sie es jetzt — oder warten Sie, bis Sie in der vierten Klasse sind."


Der Rubikon

5 · Die vier Temperamente

Bei der Konzeption treffen der irdische Erbstrom und der unsterbliche Geistkern zusammen — nicht immer passgenau. Je nachdem, welches Wesensglied etwas stärker ist, zeigt das Kind in den ersten zwölf Jahren ein Temperament. Danach, mit erwachendem Seelenleben, verliert es an Bedeutung; Ziel ist der Ausgleich, geführt vom Ich.

  • Choleriker — willenshaft, energiegeladen, emotional. Will die Welt im Tun erleben, regt sich leicht auf. Im Unterricht: nimmt eine Aufgabe an und zieht sie konsequent durch, bis sie fertig ist.

  • Phlegmatiker — verträumt, in sich zufrieden, wenig Kontakt nach aussen, stark im inneren Bilderleben. Im Unterricht: sitzt Stunden später noch brav da, braucht für alles dreimal so viel Zeit.

  • Sanguiniker — charmant, weltoffen, lebenslustig, überall dabei — wie ein Schmetterling, aber wenig Tiefe. Im Unterricht: drei Striche und „fertig", wenig Sitzfleisch — man dreht sich um, schon sind sie weg.

  • Melancholiker — still, aber sorgenvoll; Angst, nicht gut genug zu sein; zweifelt sich stark an. Im Unterricht: erlebt alles doppelt dramatisch und ernst.

Praxis: „Man soll sie in den jungen Jahren mit demselben Temperament konfrontieren, dass sie sich überhaben." Zwei Choleriker nebeneinander keppeln unter der Bank — schwer auszuhalten, aber sie reiben sich ab. Ein Phlegmatiker neben einem Choleriker dagegen ist nur gestresst.


Die vier Temperamente

6 · Bogen II — 21 bis 42

Mit 21 ist das Ich geboren und wächst nun selbst heran: mit 28 ist es sieben, mit 42 ist es einundzwanzig Jahre alt — und damit fähig, schöpferisch für die Welt zu wirken.

  • 21–28 · Die Welt kennenlernen: viel Freiraum geben — reisen, vielseitige soziale Erfahrungen, noch keine festen Bindungen. „Ein Beruf, der erlernt wird, muss nicht der Beruf sein, mit dem man in die Rente geht. Eine Partnerschaft in dem Alter muss nicht der Partner bis ans Lebensende sein." Willenshaft nach aussen, seelisch aber sehr empfindsam und unsicher.

  • 28–35 · Verbindlich werden: Beruf, Partnerschaft, Familie finden ihre Form. Die seelische Verstandeskraft ist auf dem Höhepunkt: „Die sind sehr wach, fix, durchschauen die Umstände, können argumentieren, können auch sehr schön kritisieren" — und überholen darin oft Ältere, die schon wieder mehr aus dem Gemüt heraus handeln. Zwischen 30 und 33 wiederholen sich verdichtet die ersten drei Lebensjahre als Frage der Lebensorientierung — es sind die Jahre, die der Christus im Jesus auf der Erde vollbracht hat: Lebe ich rein irdisch-materiell, oder lasse ich eine Verbindung zur geistigen Welt als Unterstützung zu?

  • 35–42 · Die Welt verstehen: Wer den Ruf des zweiten Mondknotens (37) nicht hört, den holt das Schicksal: „Dann kommen von aussen Krisen und von innen Krankheiten." Danach gilt es, sich mit Intelligenz und Lebenserfahrung ein eigenes Grundbild der Welt zu erarbeiten — das seelische Ergreifen der eigenen Aufgaben.

„Bis 28 führt der Engel, ob man will oder nicht — er hat einen immer noch so ein bisschen am Band und schaut, dass man nicht mit voller Wucht auf den Abgrund zurast. Mit 28 sagt der Engel: So, jetzt machst du mal alleine. Wenn du was von mir willst, musst du fragen."

Der Mensch ist ein freies Wesen und darf in freier Entscheidung seine Erfahrungen machen. Wer weiterhin Schutz und Beistand möchte, muss ab jetzt darum bitten.

7 · Bogen III — ab 42

Bis 42 gehen alle denselben Bogen. Danach öffnet sich eine Schere, und es steht eine Frage im Raum:

„Die ersten Dreimalsieben hat der Mensch bekommen. In den zweiten hat er sich in der Welt bewährt. Und die dritten sind jetzt die Frage an den Menschen: Was machst du damit? Gibst du jetzt an die Welt zurück — oder wirst du alt?"

  • Zurückgeben: Aus dem Menschen lösen sich freie, individuelle geistige Kräfte: er kann für die menschliche Gemeinschaft nochmals kreativ, innovativ und sozial wirken.

  • Altern: Oder der physische Leib altert und man geht diesen Weg. Welches von beidem eintritt, hängt stark davon ab, wie die ersten beiden Bögen verlaufen sind.

Ziel des zweiten Bogens ist die Bewusstseinsseele: die Fähigkeit, sich als Weltbürger zu verstehen und über Länder-, Kultur- und Sprachgrenzen hinweg das allgemein Menschliche zu erfassen. „Ich bin nicht nur kulturell an einem Ort geprägt, sondern ich bin eigentlich Mitglied einer sehr viel grösseren Gemeinschaft." Also nicht globalistisch denken, aber menschheitlich.

8 · Für die pädagogische Praxis

Zweimal zurückhalten. Im ersten Jahrsiebt halten wir zurück, was zurückzuhalten ist. Bis zum 12. Jahr halten wir ein zweites Mal zurück und geben stattdessen viel seelische Nahrung. Erst danach kommt die Regel.

Vom Tun zur Regel. Beispiel Grammatik in der 3./4. Klasse: Einstieg über Bilder, die mit dem Lebensalter resonieren — Nomen heissen Königswörter. Dann aktives Sammeln von Wörtern, dann sachtes Anschauen: Welche Ordnung lässt sich finden? Bei den Verben wieder übers Tun — was machen die Hände, die Füsse, die Tiere? Über die Jahre setzt man immer ein leichtes Häubchen Erklärung darauf, bis man im 6. Schuljahr bei der Regel ankommt.

Üben, üben, üben. „Zweites Jahrsiebt: üben, üben, üben. Drittes Jahrsiebt: jetzt verstehe ich allmählich, was ich da übe." Deutsch und Mathematik brauchen treues, regelmässiges Wiederholen über viele Jahre — der Bogen wird lang gespannt.

Zwei Arten von Lehrperson. Unterstufe: Die Schüler brauchen eine starke Beziehungsperson über das Gemüt. Mag ein kleines Kind die Person nicht, ist das Lernen erledigt. Oberstufe: Es zählt Fachkompetenz. „Ein Oberstufenschüler kann schon sagen: Diese Person finde ich jetzt nicht sehr sympathisch, aber ich kann von ihr etwas lernen. Ein kleines Kind würde das nie sagen." Ein gewaltiger Vorzeichenwechsel.

„Wenn man ein richtiges Bild gefunden hat, leuchten die Augen. Dann merkt man: die Seele klingt auf."

Das Bild muss noch keine korrekte wissenschaftliche Erklärung sein und noch nicht das grammatikalische Phänomen beschreiben — es muss nur den Weg dahin in schönen Beispielen ordnen. Man bekommt es von den Kindern zurück: man sieht es an den Augen.

„Unser Problem als Pädagogen ist in unserer Zeit wirklich ein katastrophales: Wir erziehen mit den alten Mitteln, wir erziehen mit der Erfahrung der Vergangenheit. Wir wollen aber Kinder auf die Zukunft erziehen — und die Zukunft kennt keiner."

Wir dürfen nicht annehmen, dass das, was 50 Jahre funktioniert hat, die nächsten 50 Jahre auch funktionieren muss. Aber so ist unser Schulsystem aufgebaut.


Zurückhalten, üben, verstehen

9 · Der grössere Bogen

Neben dem allgemein menschlichen Entwicklungsverlauf, den jeder durchläuft — ob er will oder nicht —, läuft das individuelle Schicksal. Der allgemeine Verlauf zeigt nur: Was ist wann an der Reihe, wo muss ich hindurch. Die individuellere Antwort ergibt sich erst aus dem eigenen kosmischen Zusammenhang.

  • Wiederholte Erdenleben: Wir leben ein Leben, verbringen eine Zeit in der geistigen Welt, verarbeiten, nehmen neue Impulse und Ziele auf und treten ein neues Leben an. Dieser Impuls taucht etwa alle 19 Jahre wie eine Prüfung auf.

  • Die Frage der Gerechtigkeit: Definiert man sich nur zwischen Geburt und Tod, bleibt das Leben ungerecht und zufällig. Erst wenn ein Leben auf dem anderen aufbaut, wird es stimmig — und es entlastet: „dass wir nicht alles in einem Leben tun, machen oder auch erledigen müssen."

Ein Bild dafür, das der Vortragende von seinem Lehrer hat: „Man ist auf einer Theaterbühne, und oben auf der Empore sitzen die ganzen Engelwesenheiten. Und die schauen einfach mal runter, wie ich mich da verhalte. Entweder sie sind zufrieden, dann geht es weiter — oder sie denken: da brauchen wir nochmal eine Runde." Und wer ein Thema erledigt hat, bekommt nicht Ruhe, sondern das nächste. Steiner möchte, dass wir uns nicht nur irdisch verstehen, sondern in diesem grossen Haus: irdisch und geistig-kosmisch.

„Wenn wir uns nur zwischen Geburt und Tod definieren, ist ein Leben grundsätzlich sehr ungerecht. […] Und es ist eben die Frage, wie möchte man sich definieren: Denke ich mich klein oder denke ich mich grösser? Das ist die Freiheit von jedem Einzelnen."

10 · Weiterführende Literatur

  • Das menschenkundliche Kompendium für Rudolf-Steiner-Schulen (methodisch-didaktischer Teil, dazu Bände einzelner Klassenlehrer je Schuljahr).

  • Michaela Glöckler — die Kindheitsbücher, u. a. zu den ersten drei Jahren.

  • Johannes Greiner; Köpke — Grundlagenwerke, sprachlich teils älter, inhaltlich weiterhin tragend.

Vielleicht ist genau das der Sinn dieser Bögen und Rhythmen: nicht ein starres Programm, sondern eine Erinnerung daran, dass jedes Kind seiner eigenen Zeit folgt. Unsere Aufgabe ist es, hinzuschauen, was gerade dran ist — und dem Kind den Raum zu geben, den es dafür braucht.

Dieser Beitrag beruht auf einer internen Zusammenfassung eines Vortrags zur Menschenkunde Rudolf Steiners (Wortlaut sinngemäss). Lebensschule Zentralschweiz, Schachenweidstrasse 46, 6030 Ebikon.